Der Bücherskorpion

Der Nützling, den kaum jemand kennt!

Skorpione haben im Großen und Ganzen wohl einen genauso negativ behafteten Ruf wie etwa Spinnen oder Schlangen. In ihrem Fall ist neben dem generellen Aussehen oft die Angst vor den gefährlich anmutenden Zangen und Stacheln groß. Bücherskorpione sind für uns Menschen nicht nur keine Gefahr, sondern nützlich.

Gleich vorweg: Ein Bücherskorpion hat keinen Stachel und ist zudem winzig klein. Zwei wesentliche Gründe, weshalb viele einem echten Skorpion mit äußerster Vorsicht begegnen, sind somit direkt ausgeschlossen. Viele kommen erst gar nicht in die Situation, sich darüber Gedanken machen zu müssen, ob gefährlich oder nicht und das, obwohl Bücherskorpione auch im urbanen Raum unter uns leben. Besonders seine Größe ist es, die ihm das Leben im Verborgenen ermöglicht. Ein weiterer nicht unwesentlicher Fakt ist, dass es sich beim Bücherskorpion um einen sogenannten Pseudoskorpion handelt. Was dies bedeutet und was der übersehbar kleine Bücherskorpion noch für interessante Fähigkeiten hat, lohnt sich allemal genauer zu betrachten.

So sieht er aus, der Bücherskorpion

Der winzige Pseudoskorpion erreicht eine Gesamtgröße von nur 2,5bis 4,5 Millimetern. Kein Wunder also, dass ihn viele noch nie zu Gesicht bekommen haben. Aufgrund seiner Größe wird er schlicht und einfach übersehen. Sowohl vier Beinpaare als auch die scherenartigen Werkzeuge lassen den Bücherskorpion einem Skorpion ähneln. Auch sie gehören zur Ordnung der Spinnentiere. Ihre acht Beine machen sie zu äußerst flinken Jägern. Anders als von vielen angenommen handelt es sich bei den Scheren nicht um ein weiteres Beinpaar der Tiere, sondern um ein umfunktioniertes, deutlich ausgeprägtes Mundwerkzeug. Bei den meisten Arten sind genau diese Werkzeuge auch mit Giftdrüsen ausgestattet. Der wesentliche optische Unterschied zu echten Skorpionen ist neben dem Fehlen eines Stachels der Körperbau. Anders als bei Skorpionen ist nämlich der Hinterleib von Pseudoskorpionen nicht geteilt. Rein optisch ist eine Ähnlichkeit mit der Gestalt von Zecken zu erkennen. Ihr Körper ist bräunlich gefärbt. Gut erkennbar ist im hinteren Bereich des Körpers ein Streifenmuster aus hellen und dunkelbraunen Streifen.

Lebensraum & Lebensweise

Weltweit gibt es über 3000Arten von Pseudoskorpionen. Zu finden sind sie beinahe überall. Ihr bevorzugter Lebensraum befindet sich jedoch in Moosen, Laubstreu, unter Steinen und Baumrinden sowie Höhlen. Ihren Namen verdanken sie ihrer generellen Vorliebe für trockene und dunkle Lebensräume. Dazu zählen nämlich auch Bereiche des urbanen Lebens, wie etwa Büchereien. Weil die kleinen Spinnentiere immer wieder beim Aufschlagen von Büchern entdeckt wurden, hat man sie kurzerhand Bücherskorpion getauft. Bücherskorpione können sich für ihre Größe besonders bei der Jagd außerordentlich schnell fortbewegen. Geht es jedoch darum, weitere Strecken zurückzulegen, sind sie auf sogenannte Transportwirte angewiesen. Aufgrund ihrer Größe und dem daher kaum wahrnehmbaren Gewichts eignen sich dazu sogar bereits Fliegen. Um unbemerkt mitreisen zu können, klammern sich Bücherskorpione kurzerhand einfach an ein Fliegenbein oder verstecken sich unter einem Käferflügel. Ein weiterer Ortswechsel wird einerseits auf der Suche nach Artgenossen, aber auch auf der Suche nach Nahrung unternommen.

Ihr Fressverhalten ist im Übrigen auch ein wesentlich positiver Aspekt des Auftretens von Bücherskorpionen für uns Menschen. Aufgrund ihrer eigenen Größe sind selbstverständlich auch die begehrten Beutetiere äußerst klein. Besonders gerne machen sie Jagd auf diverse Läuse, Bettwanzen, Milben und beispielsweise Springschwänze. Lebewesen wie Bettwanzen können für uns Menschen durchaus zum Problem werden. Ein bei uns lebender heimischer, natürlicher Fressfeind ist somit mehr als erfreulich. Neben ihrer Geschwindigkeit machen vor allem ihre Scheren Bücherskorpione zu perfekten Jägern. Während echte Skorpione für das Erlegen der Beute ihren Schwanz mit Giftstachel nutzen, tut dies der Bücherskorpion mit Hilfe seiner Zangen. Das als Giftzahn bezeichnete Injektionswerkzeug sitzt auf den Zangen, und kann selbst harte Chitinpanzer von Milben durchdringen. Für uns Menschen sind sie jedoch keineswegs gefährlich.

Dafür, dass es sich um derart unscheinbare Tierchen handelt, ist ihr Paarungsverhalten gar nicht so simpel. Vor der Paarung muss das Männchen nämlich einen Balztanz aufführen. Erst wenn sich das Weibchen davon überzeugen lässt, kommt es zu einer Verpaarung. Diese beginnt damit, dass vom Männchen ein Samenpaket auf dem Untergrund fixiert wird. Im Anschluss wird das Weibchen mithilfe der Zangen darüber gezogen. Dabei kommt es zu einer Befruchtung der Eier, welche das Weibchen noch eine Zeit lang unter ihrem Hinterleib mitträgt, ehe sie diese in einer geeigneten Brutkammer ablegt. Es dauert mehrere Wochen, bis die Jungtiere schlüpfen. Bis sie ihre endgültige Größe erreichen, müssen sich die ohnehin winzigen Tiere ganze dreimal häuten.

Der Bücherskorpion als Nützling

Neben ihrem Appetit auf für den Menschen als Schädling geltende Kleinstlebewesen haben Bücherskorpione noch einiges mehr zu bieten. Immer häufiger wird etwa versucht, sie zum Schutz von Bienen einzusetzen. Wie vielen bekannt ist, haben diese nämlich leider mit Milbenbefall zu kämpfen. Um gegen diesen vorzugehen, wurde bislang auf Chemikalien zurückgegriffen. Der Einsatz dieser kann jedoch auch einen äußerst negativen Einfluss auf die Bienen selbst haben. Mit dem Bücherskorpion wurde ein natürlicher Fressfeind von Milben gefunden, der dabei helfen kann, Bienen nachhaltig zu schützen, ohne sie dabei selbst zu gefährden. Doch beim Bienenschutz ist noch lange nicht Schluss. Vor nicht allzu langer Zeit wurde nämlich entdeckt, dass das Gift von Bücherskorpionen zur Abtötung von multiresistenten Krankenhauskeimen genutzt werden kann. Zwar ist es noch ein weiter Weg bis tatsächlich ein Medikament hergestellt werden kann, welches auf Basis des Bücherskorpiongifts beruht, jedoch macht bereits die Erkenntnis allein deutlich, welchen positiven Einfluss dieses kleine Lebewesen auf uns Menschen haben kann.

Der Bücherskorpion

Lateinisch: Chelifer cancroides

Familie: Cheliferidae

Größe: 2,5–4,5mm

Färbung: hell-, dunkelbraun, mit Streifenmuster

Verbreitung: weltweit

Nahrung: Milben, Läuse, Wanzen

Lebensraum: Moosen, Laubstreu, unter Baumrinde, Höhlen, unter Steinen, Büchereien

Tierportrait von Jakob Kuhn


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