Kanadische Goldrute
Kanadische Goldrute

Vom Umgang mit Neophyten

Zwischen Naturschutz und Artenvielfalt

Der „Neophyten-Stichtag“ liegt am 12. Oktober 1492, der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus. Als Neophyten werden all jene Pflanzen bezeichnet, die danach in Gebiete eingeführt wurden, in denen sie zuvor nicht heimisch waren. Diese Trennung markiert in der Biologie den Beginn der rasanten globalen Verschleppung von Lebewesen. Die Europäer brachten ihnen bekannte Arten in die Neue Welt, zu denen etwa Weizen, Zuckerrohr und Kaffee zählen. Im Gegenzug kamen durch die Reisen zahlreiche Nutzpflanzen in die Alte Welt, etwa Erdäpfel, Mais, Paprika, Paradeiser oder Sonnenblumen. Seit 1492 wurden über 12.000gebietsfremde Pflanzenarten (Neophyten) nach Mitteleuropa gebracht, ob nun absichtlich oder unabsichtlich.

Die große Mehrheit der Neophyten, also 99% davon, ist unproblematisch, wie Zier- und Balkonpflanzen, ist gut in bestehende Ökosysteme integriert oder hat sogar einen Nutzen. Nur 1% der Arten konnte sich dauerhaft in freier Natur etablieren, und davon verursacht nur ein winziger Anteil ernsthafte Probleme.

Wenige, aber problematische Arten

In Österreich gelten derzeit 21 Pflanzenarten als invasive Neophyten. Auf der EU-Unionsliste gelistete Arten dürfen nicht vorsätzlich in das Gebiet der Union verbracht, gehalten oder gezüchtet, in, aus und innerhalb der Union befördert, in Verkehr gebracht oder in die Umwelt freigesetzt werden, verwendet oder getauscht werden, so neobiota-austria. at. Die Liste ist rechtlich relevant. Für diese Arten gelten Verbote und Bekämpfungspflichten. Zusätzlich gibt es etwa 30 regional problematische, invasive Neophyten, die in Mitteleuropa regelmäßig bekämpft werden, die aber nicht auf der EU-Liste zu finden sind.

Auffälligkeiten

Problematische Arten zeichnen sich durch starkes Wachstum, hohe Ausbreitungsfähigkeit und Konkurrenzstärke aus. Sie können heimische Pflanzen verdrängen, die Biodiversität beeinträchtigen und ganze Lebensräume verändern. Manche gefährden auch die Nahrungsmittelsicherheit.

Hoch hinaus

Einige Pflanzen können zu Schäden an Infrastruktur und Bauten führen, wie der Götterbaum (Ailanthus altissima), mit seinen typischen Blattnarben auf der Rinde und bis zu 325.000 Samen je Baum. Er verdrängt andere Pflanzen durch Abgabe von Stoffen im Boden und schafft so Reinbestände wie auch die potentiell invasive Robinie (Robinia pseudoacacia), die speziell Eichen verdrängt. Auch der Blauglockenbaum (Paulownia tomentosa) ist nur potentiell invasiv, Eschen Ahorn (Acer negundo) und Essigbaum (Rhus typhina) dagegen invasiv. Einen Baum abzusägen, verursacht oft neue Bäume durch Wurzelausläufer.

Stauden, wie der bis zu 3,5m hohe Riesenbärenklau/ Herkulesstaude (Heracleum mantegazzianum) oder Ragweed (Ambrosia artemisiifolia), letztere oft an Vogelfutterstellen zu finden, verursachen dazu noch massive Gesundheitsprobleme, Schäden und Kosten. Heimischer Beifuß blüht im Vergleich zu Ragweed silber und nicht grünlich. Nach der Entfernung des Riesenbärenklau (Schutzkleidung) am besten 10cm tief Fräsen und die Flächen sofort begrünen.

Strategisch überlegen

Die Ausbreitung invasiver Neophyten erfolgt meist über zwei Wege. Erstens über die Produktion großer Mengen an Samen, und zweitens über die Ausbildung weitreichender Wurzelausläufer oder Rhizome. Selbst kleinste Pflanzenteile können ausreichen, um neue Bestände zu bilden, was ihre Bekämpfung schwierig macht. Typische Beispiele sind der Staudenknöterich (mit drei Arten: Japan-Knöterich, Sachalin-Knöterich und einer Kreuzung) sowie das Drüsige/Indische Springkraut (Impatiens glandulifera). Diese Arten verbreiten sich gerne entlang von Fließgewässern, auf Uferböschungen sowie in gestörten Lebensräumen wie Baustellen, Stadträndern oder Bahndämmen. Dort können sie schnell dichte Bestände bilden und andere Pflanzen wie Weiden oder Erlen vollständig verdrängen, und so an Böschungen mitunter für Bodenerosion sorgen. An Uferböschungen können konkurrierende Weidenspreitlagen ein Gewinn sein. Sie sind ingenieurbiologische Bauweisen zur Sicherung von Ufern und Böschungen. Lebende Weidenäste sollen flächig auf den Boden gelegt und verankert, anwachsen, um das Erdreich zu durchwurzeln und einen dauerhaften, natürlichen Erosionsschutz zu bilden. Bei Gewässern beginnt die Bekämpfung am Oberlauf, um nicht wie in der griechischen Mythologie die Hydra zu befeuern. Das Kleine Springkraut (Impatiens parviflora) dagegen ist ebenfalls zugewandert und ergänzt als nicht invasive Art trockene Stellen. Die Wasserpest (Elodea canadensis und E. nutallii) ist aus Aquarien und Teichen aus gebüchst und kann je nach Region zum kostenintensiven Problem werden, wenn etwa Mähboote zum Einsatz kommen.

Gartengäste

Während die Gewöhnliche Goldrute (Solidago virgaurea) heimisch ist, verbreiten sich Kanadische und Späte Goldrute (S. canadensis/ S. gigantea) invasiv durch viele Samen im Wind, wie auch die Seidenpflanze (Asclepias syriaca), die wegen der papageienähnlichen Früchte in die Gärten gelangte. Dort findet sich auch Topinambur (Helianthus tuberosus), bei dem Aufessen gefragt ist.

Zu den weiteren problematischen Arten zählen Kermesbeeren (Phytolacca), Bambus (wie Pleioblastus, Phyllostachys), Lanzett-Aster (Aster lanceolatus syn. Symphyotrichum lanceolatum), Neubelgien/Glattblatt-Aster (Symphyotrichum syn. Aster novi-belgii) und Schlitzblatt-Sonnenhut (Rudbeckia laciniata).

Der Sommerflieder (Buddleja davidii) liebt als Pionier steinbetonte Standorte und verträgt Hitze bestens, wodurch er etwa in Ritzen klar im Vorteil ist. Sterile Sorten & Hybriden: wie B. spec. ‘Buzz’ und der Kaskaden-Sommerflieder (B. alternifolia) zählen dagegen nicht zu den invasiven Neophyten. Auch der Kirschlorbeer/Lorbeerkirsche (Prunus laurocerasus) ist ein invasiver Neophyt. Er wird durch Vögel und abgeschnittene entsorgte Äste verbreitet. Der immergrüne Strauch wirft dichten Schatten und lässt an Waldrändern kaum einheimische Unterholzvegetation zu. Gute Alternative sind der Portugiesische Kirschlorbeer (Prunus lusitanica) oder Liguster (Ligustrum vulgare).

Bekämpfung und Umgang

Die Bekämpfung invasiver Neophyten ist aufwendig und oft nur langfristig erfolgreich. Eine Kollegin hat den Staudenknöterich mit 20 Jahren „Zuwendung“ verknüpft.
 

Vorbeugende Maßnahmen sind deshalb besonders wichtig:

  • • Gartenabfälle nicht in der freien Natur entsorgen, Wurzelwerk schreddern, Trocknung von Pflanzenteilen, falls sie nicht kompostiert werden.
  • • keine potenziell invasiven Arten pflanzen oder ausbringen
  • • frühes Erkennen neuer Bestände
  • • Verwendung heimischer Pflanzen im Garten und öffentlichen Grün
  • • Boden möglichst geschlossen bewachsen halten oder durch eine Mulchschicht schützen

Da invasive Arten besonders oft in gestörten oder geschwächten Lebensräumen auftreten, kann auch die Stärkung bestehender Ökosysteme (z. B. durch vielfältige Bepflanzung) ihre Ausbreitung bremsen. Auch offene Bodenstellen vermeiden und rasch begrünen, heißt die Devise. Als Konkurrenzpflanzen dienen raschwachsende und schattenspendende Gehölze, wie Hasel, Weide, Pappel oder Erle.

Bekämpfungsmethoden

Je nach Art und Standort kommen verschiedene Methoden zum Einsatz. Meist ist eine Kombination mehrerer Maßnahmen notwendig. Zu den mechanischen Verfahren gehört das regelmäßige Mähen (mehrmals jährlich, oft über mehrere Jahre). Besonders wirksam ist das Ausreißen bei der Blütenbildung (z. B. beim Drüsigen Springkraut). Das vollständige Entfernen von Wurzeln und Pflanzenteilen, sofern das möglich ist, steht ebenso auf dem Programm wie die sorgfältige Entsorgung über den Restmüll. Sie heiß zu kompostieren ist wichtig. Wer das nicht schafft, sollte es über eine Kompostierungsanlage machen. Ein zentrales Problem ist die unbeabsichtigte Verbreitung durch Menschen, etwa über Schuhe, Geräte, Reifen oder Erdmaterial.

Deshalb ist bei der Bekämpfung besondere Sorgfalt erforderlich. Erweitert werden die Methoden durch die Beweidung mit Schafen oder Ziegen zur Schwächung der Pflanzen.

Finstere Zeiten

Auch das Abdecken oder Abdunkeln mit Folien kann Austrieb verhindern. Für den Staudenknöterich hat sich eine kombinierte Methode bewährt. Durch das Auflegen von Stahlgittern mit 6mm Raster wachsen die Pflanzen zunächst durch, können aber nicht die volle Stängeldicke erlangen. Sie fallen deswegen um und bilden Seitentriebe aus. Diese können leichter und damit öfter entfernt werden. Ausdauer ist auf beiden Seiten gefragt, stecken die Wurzeln doch bis in 9m Tiefe. Teilweise werden Überschüttungen oder Bodenaustausch von 6m empfohlen, um ihrer Herr zu werden. Hier heißt es – mähen, mähen, mähen – 6 bis 8mal/Jahr, sobald die Stängel 40cm hoch sind und beschatten. Um Pflanzenzellen zu zerstören, kommen auch Heißwasserbehandlungen wie Heißwasser, Heißdampf oder Elektrolanzen zum Einsatz.

Bei Bäumen ist vor dem Umschneiden und Fräsen des Wurzelstocks zunächst das Ringeln auf Kniehöhe angesagt. Dabei bleibt auf einem etwa 10cm dicken Streifen ein 2cm Steg an der wasserversorgenden Rinde erhalten, der Rest wird bis aufs Kambium entfernt und am besten abgeflämmt. So wird der Baum langsam geschwächt, ohne dass er Ausläufer ausbildet.

Fazit

Die meisten Neophyten sind harmlos oder sogar nützlich. Problematisch ist nur ein kleiner Anteil invasiver Arten, der aber erhebliche Auswirkungen auf Natur, Wirtschaft und Gesundheit haben kann. Weil eine vollständige Ausrottung meist nicht möglich ist, ist eine konsequente Vorbeugung deswegen ebenso wesentlich wie das frühe Eingreifen und das Durchhalten bei einer langfristigen Bekämpfung. Nur eine Kombination dieser Maßnahmen kann die Ausbreitung invasiver Neophyten wirksam begrenzen und damit die heimische Artenvielfalt schützen.

 

Natur im Garten von DI Margit Beneš-Oeller


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